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Subventionsirrsinn

Gastkommentar von Harald Walser
in den Vorarlberger Nachrichten (02.06.2008)

 

Der Vorarlberger Sozialwissenschafter Kurt Greussing hat kürzlich bei einer Veranstaltung eine einfache Frage gestellt, die das ganze Dilemma der sogenannten "Entwicklungshilfe" offenbart: Was bleibt eigentlich vom Rest des Huhns, wenn unsere Kinder in amerikanischen Fastfood-Ketten wie McDonalds nur noch die begehrten "Chicken-Wings" essen? Greussing begab sich auf die Suche und wurde fündig.

Um auch das restliche Hühnerfleisch sinnvoll zu verwerten, wird es – mit saftiger Exportstützung durch die EU – vor allem nach West- und Zentralafrika exportiert. Dort war das Fleisch in den letzten Jahren für einige Importeure ein riesiges Geschäft. Sie kauften es Dank der europäischen Subventionen um ein Zehntel des heimischen Preises und verkauften es mit riesigem Gewinn um das Doppelte weiter. Dennoch war das Fleisch noch immer deutlich billiger als der bis dahin übliche Marktpreis.

Allein in Kamerun hat sich laut evangelischem Entwicklungsdienst in den letzten zehn Jahren der Geflügelimport von knapp 980 Tonnen auf über 24.000 Tonnen auf das Fünfundzwanzigfache erhöht. Das hatte gleich in zweifacher Hinsicht fatale Folgen. Einerseits gibt es seither eine markante Zunahme bei Fleischvergiftungen, weil die Kühlkette von Europa bis zum Endverbraucher nicht gewährleistet ist. Das ist zum Teil auf kriminelle Machenschaften zurückzuführen: In das kleine Benin wurde beispielsweise so viel Geflügel importiert, dass der Pro-Kopf-Verbrauch jenen in Deutschland übertroffen hätte. In Wirklichkeit wurden etwa 90 Prozent des Fleisches in die Nachbarländer geschmuggelt – natürlich ohne hygienische Prüfung. Bei einer Kontrolle auf Märkten in verschiedenen Orten Kameruns wurde festgestellt, dass 83,5 Prozent des Hühnerfleischs für den menschlichen Verzehr nicht geeignet war. Lokale Hühner hingegen werden am Mark traditionell lebendig angeboten und erst unmittelbar vor dem Verzehr geschlachtet – aus hygienischer Sicht ideal. Andererseits werden die lokalen Bauern ruiniert. So billig können sie nicht anbieten. Vielen von ihnen wurde die Existenzgrundlage geraubt, sie mussten die Landwirtschaft aufgeben und in den Slums der Großstädte versuchen zu überleben.

Eine ähnliche Entwicklung wie in Kamerun gab es vom Senegal im Westen über den Kongo bis nach Angola im Süden des Kontinents. Spät aber doch organisiert sich Widerstand gegen den ruinösen europäischen Export. In Afrika versuchen nationale Organisationen, die Konsumenten über die gesundheitlichen Gefahren des importierten Geflügels und den ruinösen Verdrängungswettbewerb gegen die heimischen Bauern aufzuklären. Immerhin leben etwa 70 Prozent der Menschen in und von der Landwirtschaft.

Der wichtigste Faktor für eine mögliche Verbesserung der Situation ist die Aufklärungsarbeit in den USA und Europa. Erst die Information über die Zusammenhänge von Überschüssen, Subventionen und angeblicher "Entwicklungshilfe" ermöglicht es den hiesigen Konsumenten, bewusst einzukaufen und vor allem Druck auf die politischen Entscheidungsträger und Unternehmen wie McDonalds auszuüben. Derzeit wird der europäische Steuerzahler für eine verfehlte Politik gleich doppelt zur Kasse gebeten: Er subventioniert neben dem Hühnerfleisch auch den Export für viele andere Agrarprodukte wie etwa Zucker oder Weizen, was für die Bauern in Afrika nicht selten den Ruin bedeutet. Gleichzeitig zahlt er dann für die "Entwicklungshilfe". Diesem Subventionsirrsinn sollte schnellstens der Garaus gemacht werden!


 

mit freundlicher Genehmigung des Autors
harald.walser@vol.at


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